
Beim Streicheln fällt dir auf, dass du die Rippen kaum noch spürst, und von oben ist keine Taille mehr zu sehen. Vielleicht hat auch die Tierarztpraxis beim letzten Termin vorsichtig das Gewicht angesprochen. Übergewicht ist bei Hunden und Katzen weit verbreitet – und es entsteht meist ganz leise, ohne dass jemand etwas falsch machen wollte.
Woran du Übergewicht erkennst
Die Waage allein sagt wenig darüber, ob dein Tier zu viel wiegt. Ein kräftig gebauter Hund kann mehr wiegen als ein zierlicher derselben Rasse und trotzdem schlank sein. Deshalb arbeiten Tierarztpraxen meist mit der Körperkondition – dem sogenannten Body Condition Score. Dabei wird der Körper nach festgelegten Merkmalen angesehen und abgetastet.
Ein paar dieser Merkmale kannst du zu Hause selbst prüfen:
- Rippen: Du solltest sie mit flacher Hand und leichtem Druck gut fühlen können, ohne dass sie hervorstehen. Musst du kräftig drücken, liegt zu viel Fett darüber.
- Taille: Von oben betrachtet sollte hinter den Rippen eine Einbuchtung zu sehen sein.
- Bauchlinie: Von der Seite gesehen sollte der Bauch hinter dem Brustkorb leicht nach oben ziehen. Bei Katzen ist eine kleine Hautfalte am Bauch normal, ein hängender, prall gefüllter Bauch dagegen nicht.
- Fettpolster: Polster am Schwanzansatz, an der Brust oder im Nacken sind ein Hinweis auf Übergewicht.
Bist du unsicher, lass die Körperkondition bei der nächsten Gelegenheit in der Praxis beurteilen. Dort kann man dir auch sagen, welches Zielgewicht für dein Tier realistisch ist.
Warum ein paar Pfunde zu viel zählen
Ein etwas rundliches Tier wirkt oft gemütlich und zufrieden. Doch zusätzliches Körperfett ist kein harmloser Speicher. Übergewicht wird mit einer Reihe gesundheitlicher Probleme in Verbindung gebracht:
- stärkere Belastung von Gelenken, Bändern und Wirbelsäule, was Gelenkbeschwerden verschlimmern kann
- bei Katzen ein erhöhtes Risiko für Zuckerkrankheit
- Atembeschwerden und eine schlechtere Belastbarkeit, besonders bei Wärme
- bei Katzen Schwierigkeiten bei der Fellpflege, etwa am Rücken und im Analbereich
- ein höheres Narkoserisiko bei Operationen
Vor allem aber leidet die Lebensqualität: Ein schlankes Tier bewegt sich leichter, spielt lieber und kommt besser die Treppe hinauf. Es geht also nicht um eine perfekte Zahl auf der Waage, sondern darum, dass sich dein Tier in seinem Körper wohlfühlt.
Wie Übergewicht entsteht
Im Kern ist es einfach: Nimmt ein Tier über längere Zeit mehr Energie auf, als es verbraucht, speichert der Körper den Überschuss als Fett. Im Alltag gibt es aber viele kleine Gründe, warum das passiert.
Die Fütterungsempfehlung passt nicht
Die Mengenangaben auf der Verpackung sind Durchschnittswerte. Ein ruhiger Wohnungshund oder eine Wohnungskatze braucht oft deutlich weniger als angegeben. Warum das so ist und wie du die passende Menge findest, erklärt der Beitrag zur richtigen Futtermenge.
Kastration und Alter
Nach einer Kastration sinkt der Energiebedarf vieler Tiere, während der Appetit oft gleich bleibt oder sogar steigt. Auch mit zunehmendem Alter bewegen sich die meisten Tiere weniger. Bleibt die Futtermenge unverändert, steigt das Gewicht langsam an.
Leckerlis, Kauartikel und Tischreste
Hier liegt oft der größte Hebel. Ein Kauknochen hier, ein Stück Käse beim Kochen dort, das Leckerli für die Nachbarn – all das summiert sich. Kleine Tiere reagieren besonders empfindlich, weil schon wenige Extras einen großen Anteil ihres Tagesbedarfs ausmachen.
Erkrankungen
Seltener stecken Erkrankungen hinter dem Gewicht, beim Hund etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine Überfunktion der Nebennierenrinde. Auch manche Medikamente können den Appetit steigern. Deshalb gehört ein Besuch in der Praxis an den Anfang jedes Abnehmplans.
Leckerlis richtig einplanen
Leckerlis müssen nicht verboten werden. Sie gehören zum Training und zur Beziehung zwischen dir und deinem Tier. Wichtig ist nur, dass sie mitgerechnet werden. Als verbreitete Faustregel gilt: Leckerlis und Kauartikel sollten höchstens etwa zehn Prozent der täglichen Energie ausmachen, damit das Hauptfutter die Versorgung mit Nährstoffen sicherstellen kann.
- Nimm einen Teil der Tagesration als Belohnung, etwa Trockenfutterstücke im Training.
- Teile Leckerlis in sehr kleine Stücke – für dein Tier zählt die Geste mehr als die Größe.
- Kalorienarme Alternativen wie kleine Stücke Gurke oder Karotte werden von manchen Hunden gern genommen.
- Sprich dich in der Familie ab, damit nicht jeder heimlich etwas zusteckt.
- Belohne auch mit Zuwendung, Spiel oder einem gemeinsamen Ausflug.
Gesund abnehmen – so gehst du vor
Ein guter Abnehmplan ist langsam, gut geplant und alltagstauglich. Radikale Diäten bringen wenig und können schaden.
Nicht einfach nur weniger vom gewohnten Futter
Der naheliegende Gedanke ist, einfach die Menge zu reduzieren. Bei leichtem Übergewicht kann das ausreichen. Wird die Menge aber stark gekürzt, sinkt mit der Energie auch die Zufuhr an Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen. Dann droht eine Unterversorgung. Für eine deutliche Gewichtsabnahme werden deshalb oft Futtermittel eingesetzt, die weniger Energie, aber trotzdem alle nötigen Nährstoffe liefern. Worauf es bei einem vollwertigen Futter ankommt, liest du im Beitrag zum bedarfsdeckenden Füttern.
Abwiegen statt schätzen
Eine Küchenwaage ist dein bester Helfer. Messbecher und Augenmaß sind erstaunlich ungenau. Wiege die Tagesration morgens ab und nimm Leckerlis davon weg.
Bewegung behutsam steigern
Mehr Bewegung unterstützt das Abnehmen und hält die Muskeln kräftig. Bei sehr übergewichtigen oder älteren Tieren solltest du langsam beginnen und Gelenke schonen. Beim Hund eignen sich längere, ruhige Spaziergänge, bei der Katze Spielangebote mit Angel oder Futterbällen, die sie zum Bewegen und Jagen animieren.
Regelmäßig wiegen
Wiege dein Tier in festen Abständen, etwa alle zwei Wochen, und notiere das Gewicht. So siehst du, ob der Plan funktioniert, und kannst gemeinsam mit der Praxis nachsteuern.
In der Ernährungsberatung erlebe ich oft, dass der größte Schritt gar nicht das neue Futter ist, sondern der ehrliche Blick auf den Alltag: Wer füttert wann was? Wenn das einmal sichtbar ist, gelingt das Abnehmen meist ohne Hungergefühl und Bettelstress. Auch ein Blick auf die Futterdeklaration hilft, Energiegehalte verschiedener Futter besser einzuordnen.
Wenn dein Tier bettelt
Ein Tier, das weniger bekommt, bettelt anfangs oft mehr. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass es wirklich hungert. Einige Ideen können helfen:
- Verteile die Tagesration auf mehrere kleine Mahlzeiten.
- Nutze Schnüffelteppiche, Futterbälle oder Suchspiele, damit das Fressen länger dauert und den Kopf beschäftigt.
- Bei Katzen kann Nassfutter sinnvoll sein, weil es durch seinen Wassergehalt mehr Volumen bei weniger Energie bietet.
- Bleib konsequent: Wer einmal nachgibt, bestärkt das Betteln.
Mehrkatzen- oder Mehrhundehaushalte sind eine besondere Herausforderung. Hier kann es nötig sein, getrennt zu füttern oder Futterstationen zu nutzen, die nur bestimmte Tiere öffnen können.
Wenn das Ziel erreicht ist
Ist das Wunschgewicht erreicht, beginnt die vielleicht wichtigste Phase: das Gewicht zu halten. Viele Tiere nehmen danach wieder zu, weil die Fütterung zu schnell in alte Gewohnheiten zurückrutscht. Das ist menschlich, lässt sich aber gut vermeiden.
Wenn dein Tier ein spezielles Futter zum Abnehmen bekommen hat, besprich mit der Praxis oder in der Ernährungsberatung, wie es weitergeht. Oft wird die Menge vorsichtig angehoben oder schrittweise auf ein anderes Futter gewechselt. Wiege dein Tier auch danach weiter regelmäßig, zum Beispiel einmal im Monat, und prüfe zwischendurch Rippen und Taille mit der Hand.
Behalte auch die Lebensumstände im Blick. Ein Umzug, ein ruhigerer Winter, eine Verletzung oder das Älterwerden verändern den Energiebedarf. Wer dann rechtzeitig die Futtermenge anpasst, muss später nicht wieder mühsam abnehmen. Und vergiss nicht, dich mit deinem Tier über das Erreichte zu freuen – am besten mit einem gemeinsamen Spaziergang oder einer Spielrunde statt mit einem großen Leckerli.
Was eine Futterberatung leisten kann – und was nicht
Eine Ernährungsberatung kann dir helfen, ein passendes Futter auszuwählen, eine realistische Tagesmenge zu berechnen und Leckerlis sinnvoll einzuplanen. Sie ersetzt aber keine Untersuchung. Ob gesundheitliche Ursachen hinter dem Gewicht stecken, ob die Gelenke schon belastet sind oder ob das Herz eine stärkere Bewegung verträgt, kann nur die Tierarztpraxis beurteilen. Am besten arbeiten beide Seiten zusammen.
Kurz gesagt
Übergewicht entsteht meist schleichend durch zu viel Futter, Leckerlis und zu wenig Bewegung. Mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme, abgewogenen Rationen, eingeplanten Belohnungen und behutsam mehr Bewegung kannst du viel erreichen. Abnehmen sollte langsam und mit tierärztlicher Begleitung geschehen – bei Katzen ganz besonders.
Häufige Fragen
Wie schnell sollte mein Tier abnehmen?
Langsam und gleichmäßig. Zu schnelles Abnehmen kann Muskeln abbauen und bei Katzen eine gefährliche Leberverfettung auslösen. Wie schnell es bei deinem Tier gehen darf, legst du am besten gemeinsam mit deiner Tierarztpraxis fest.
Reicht es, einfach weniger zu füttern?
Bei leichtem Übergewicht kann eine etwas geringere Menge ausreichen. Wird stark reduziert, sinkt aber auch die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen. Dann ist ein Futter mit weniger Energie und trotzdem vollständiger Nährstoffversorgung meist die bessere Wahl.
Muss ich auf Leckerlis ganz verzichten?
Nein. Leckerlis können Teil des Alltags bleiben, wenn sie in die Tagesration eingerechnet werden. Als Faustregel sollten sie höchstens etwa zehn Prozent der täglichen Energie ausmachen.
Mein kastrierter Kater nimmt ständig zu. Was kann ich tun?
Nach einer Kastration sinkt der Energiebedarf oft, während der Appetit bleibt. Passe die Futtermenge an, plane Spielzeiten ein und nutze Futterspielzeug, damit er sich mehr bewegt. Lass das Zielgewicht und den Plan in der Praxis besprechen.
Ist Übergewicht bei manchen Rassen normal?
Nein. Manche Tiere neigen eher zu Übergewicht, weil sie besonders verfressen sind oder sich wenig bewegen. Normal oder gesund ist Übergewicht aber bei keiner Rasse. Auch bei kräftig gebauten Tieren sollten Rippen fühlbar und eine Taille erkennbar sein.
Geschrieben von Steffi
Mobile Haustierbetreuerin und Ernährungsberaterin, davor 21 Jahre Tiermedizinische Fachangestellte. Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Mehr über mich