
Auf der Packung steht eine klare Zahl, du hältst dich daran – und trotzdem wird dein Hund langsam rund, oder deine Katze wirkt immer ein bisschen zu schlank. Das liegt nicht daran, dass du etwas falsch machst. Die Fütterungsempfehlung ist eine Durchschnittsrechnung, und kaum ein Tier ist genau Durchschnitt.
Woher die Grammangabe auf der Packung kommt
Jedes Alleinfuttermittel muss Fütterungshinweise enthalten. Meist findest du eine Tabelle, die je nach Körpergewicht eine Tagesmenge in Gramm nennt. Diese Werte beruhen auf einer Schätzung des Energiebedarfs für ein durchschnittliches, gesundes, erwachsenes Tier und auf dem Energiegehalt des jeweiligen Futters.
Das ist ein sinnvoller Startpunkt. Aber der tatsächliche Energiebedarf schwankt von Tier zu Tier erheblich – selbst bei zwei Hunden mit gleichem Gewicht oder zwei Katzen aus demselben Wurf. Die Tabelle kann diese Unterschiede nicht kennen. Deshalb ist sie, wie der Titel dieses Artikels sagt, eine Orientierung und keine Vorschrift.
Was den Energiebedarf beeinflusst
Wie viel Energie dein Tier braucht, hängt von vielen Faktoren ab. Die wichtigsten sind:
- Körpergewicht und Körperbau: Der Bedarf steigt nicht im gleichen Verhältnis wie das Gewicht. Ein doppelt so schwerer Hund braucht deshalb nicht doppelt so viel Futter.
- Alter: Welpen und Kitten brauchen im Wachstum deutlich mehr Energie je Kilogramm Körpergewicht, ältere Tiere oft weniger.
- Aktivität: Ein Hund, der täglich lange mit dir unterwegs ist, braucht mehr als ein gemütlicher Sofahund. Eine Wohnungskatze bewegt sich meist weniger als ein Freigänger.
- Kastration: Nach einer Kastration sinkt der Energiebedarf bei vielen Tieren, während der Appetit oft gleich bleibt oder sogar zunimmt.
- Individuelle Veranlagung: Manche Tiere sind gute Futterverwerter, andere verbrennen mehr. Das hat auch mit Typ und Temperament zu tun.
- Umgebung: Tiere, die viel draußen sind, besonders bei Kälte, können mehr Energie brauchen.
- Trächtigkeit und Säugezeit erhöhen den Bedarf deutlich. Hier ist eine Begleitung durch die Tierarztpraxis wichtig.
Außerdem unterscheiden sich Futtersorten stark in ihrer Energiedichte. 100 Gramm Trockenfutter liefern ein Vielfaches der Energie von 100 Gramm Nassfutter, weil Nassfutter zum größten Teil aus Wasser besteht. Mehr dazu liest du im Vergleich Nassfutter und Trockenfutter. Wechselst du die Sorte, musst du die Menge also neu bestimmen – auch innerhalb derselben Futterart.
Richtig abmessen: Waage statt Becher
Bevor wir über die passende Menge sprechen, ein ganz praktischer Punkt: Wie misst du ab? Viele Halter nutzen einen Messbecher oder nehmen eine Handvoll. Das ist bequem, aber ungenau. Schon kleine Abweichungen pro Portion summieren sich über Wochen.
Eine einfache Küchenwaage ist das beste Werkzeug, das du für die Fütterung haben kannst. Wiege die Tagesmenge morgens ab und teile sie dann auf die Mahlzeiten auf. So weißt du immer genau, was dein Tier bekommen hat, und kannst Veränderungen sauber nachvollziehen.
Der Blick aufs Tier: den Körperzustand beurteilen
Die Waage für das Futter ist das eine. Das Wichtigste ist aber der Blick auf dein Tier selbst. In der Tiermedizin wird dafür der sogenannte Body Condition Score verwendet, eine Einteilung des Körperzustands, häufig auf einer Skala von 1 bis 9. Du musst die Skala nicht auswendig kennen, aber die Grundidee hilft im Alltag sehr.
So fühlt sich ein guter Körperzustand an
- Rippen: Du kannst sie mit flacher Hand und leichtem Druck gut ertasten. Sie liegen unter einer dünnen Fettschicht, stehen aber nicht sichtbar hervor.
- Taille: Von oben betrachtet ist hinter den Rippen eine Taille erkennbar.
- Bauchlinie: Von der Seite gesehen steigt der Bauch hinter dem Brustkorb leicht an. Bei Katzen ist eine kleine, lockere Bauchfalte normal.
Musst du kräftig drücken, um die Rippen zu spüren, hat dein Tier wahrscheinlich zu viel auf den Rippen. Siehst du Rippen, Wirbelsäule oder Hüftknochen deutlich, ist es eher zu dünn. Bei langem oder dichtem Fell täuscht der Blick leicht – deshalb lieber regelmäßig fühlen als nur schauen.
Aus meinen Jahren in der Tierarztpraxis kenne ich es gut: Viele Halter schätzen ihr Tier schlanker ein, als es ist. Das ist kein Vorwurf, sondern ganz normal, denn wer sein Tier täglich sieht, bemerkt schleichende Veränderungen kaum. Lass dir den Körperzustand beim nächsten Praxisbesuch ruhig einmal zeigen.
Die Menge Schritt für Schritt anpassen
Mit diesen Werkzeugen kannst du die Futtermenge in Ruhe auf dein Tier abstimmen. So gehst du am besten vor:
- Startwert wählen: Beginne mit der Empfehlung auf der Packung für das Wunschgewicht deines Tieres – nicht für das aktuelle Gewicht, falls es zu viel oder zu wenig wiegt.
- Genau abwiegen: Füttere diese Menge konsequent mit der Waage und rechne Leckerlis mit ein.
- Regelmäßig wiegen: Wiege dein Tier etwa alle zwei bis vier Wochen, möglichst zur gleichen Tageszeit. Kleine Hunde und Katzen kannst du auf dem Arm mit dir zusammen wiegen und dein eigenes Gewicht abziehen.
- Körperzustand prüfen: Fühle Rippen und Taille und notiere, was du feststellst.
- Behutsam nachjustieren: Verändere die Menge in kleinen Schritten, zum Beispiel um etwa ein Zehntel, und beobachte dann wieder einige Wochen.
Geduld ist dabei wichtiger als Tempo. Gewicht verändert sich langsam, und kurzfristige Schwankungen sind normal. Hat dein Tier deutliches Übergewicht, sollte eine Gewichtsabnahme gemeinsam mit der Tierarztpraxis geplant werden. Gerade bei Katzen ist eine zu starke oder zu schnelle Futterkürzung gefährlich. Mehr dazu findest du im Artikel Übergewicht bei Hund und Katze.
Weniger Futter heißt auch weniger Nährstoffe
Ein Punkt wird beim Anpassen der Menge leicht übersehen: Ein Alleinfuttermittel ist so zusammengesetzt, dass es den Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Eiweiß deckt, wenn du ungefähr die empfohlene Menge fütterst. Braucht dein Tier deutlich weniger Energie als der Durchschnitt und bekommt deshalb nur einen Bruchteil der Packungsangabe, sinkt auch die Menge aller anderen Nährstoffe mit.
Bei kleinen Abweichungen ist das meist kein Problem. Liegst du aber dauerhaft weit unter der Empfehlung, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Dann kann ein Futter mit geringerer Energiedichte die bessere Wahl sein, damit dein Tier satt wird und trotzdem gut versorgt bleibt. Was ein Alleinfutter dafür leisten muss, erklärt der Artikel Bedarfsdeckend füttern.
In der Ernährungsberatung erlebe ich das häufiger bei sehr ruhigen, kastrierten Tieren oder bei Senioren. Genau hier zeigt sich, warum die Futtermenge nie losgelöst von der Frage betrachtet werden sollte, welches Futter überhaupt zu deinem Tier passt.
Besondere Situationen
Welpen und Kitten
Im Wachstum ändert sich der Bedarf laufend. Hier ist es besonders wichtig, regelmäßig zu wiegen und die Menge anzupassen. Bei Welpen großwüchsiger Rassen kann eine zu reichliche Fütterung ein zu schnelles Wachstum fördern, was für Knochen und Gelenke ungünstig sein kann. Wie die Ernährung im Wachstum gelingt, erklärt der Ratgeber Welpen und Kitten richtig ernähren.
Ältere Tiere
Viele ältere Tiere bewegen sich weniger und brauchen dann weniger Energie. Manche verlieren im Alter aber auch an Gewicht oder Muskulatur. Eine Veränderung des Gewichts ohne erkennbaren Grund gehört bei Senioren immer abgeklärt.
Mischfütterung
Fütterst du Nass- und Trockenfutter kombiniert oder zwei verschiedene Sorten, darfst du die Packungsangaben nicht einfach addieren. Wenn du jeweils die halbe Tagesmenge der einen und die halbe Tagesmenge der anderen Sorte gibst, liegst du in der Größenordnung richtig. Die Feinabstimmung erfolgt dann wieder über Waage und Körperzustand.
Mehrere Tiere im Haushalt
Leben mehrere Hunde oder Katzen zusammen, weißt du oft gar nicht, wer wie viel frisst. Getrennte Futterplätze oder feste Fütterungszeiten helfen, den Überblick zu behalten. Bei Katzen, die gern beim Nachbarn naschen, wird es schwieriger – dann ist der Körperzustand dein wichtigster Anhaltspunkt.
Kurz gesagt
Die Grammangabe auf der Packung ist ein guter Startwert, mehr nicht. Die richtige Futtermenge findest du mit einer Küchenwaage, regelmäßigem Wiegen und einem ehrlichen Blick auf den Körperzustand. Leckerlis zählen mit, und Anpassungen gelingen am besten in kleinen Schritten.
Häufige Fragen
Soll ich nach aktuellem Gewicht oder Wunschgewicht füttern?
Wiegt dein Tier zu viel oder zu wenig, orientiere dich am Wunschgewicht. Welches Gewicht für dein Tier realistisch ist, kann dir deine Tierarztpraxis anhand des Körperzustands sagen. Danach passt du die Menge in kleinen Schritten an.
Wie oft sollte ich mein Tier wiegen?
Für die meisten erwachsenen Tiere reicht es, sie etwa alle zwei bis vier Wochen zu wiegen. Bei Welpen, Kitten, älteren Tieren oder während einer Gewichtsabnahme kann es sinnvoll sein, öfter zu wiegen. Wichtig ist, immer unter ähnlichen Bedingungen zu messen.
Kann ich Futter einfach frei hinstellen?
Manche Katzen teilen sich ihr Futter gut ein, viele Tiere aber nicht. Wenn Futter dauerhaft frei verfügbar ist, verlierst du leicht den Überblick über die Menge. Abgewogene Portionen machen Veränderungen leichter erkennbar.
Warum ist mein Hund nach der Kastration dicker geworden?
Nach einer Kastration sinkt bei vielen Tieren der Energiebedarf, während der Appetit oft bleibt. Wird die Futtermenge nicht angepasst, nimmt das Tier zu. Behalte deshalb Gewicht und Körperzustand in den Monaten danach besonders im Blick.
Zählen Kauartikel wirklich mit?
Ja. Kauartikel, Leckerlis und Reste vom Tisch liefern Energie, oft mehr als man denkt. Als Faustregel sollten sie nicht mehr als etwa 10 % der täglichen Energie ausmachen. Den Rest ziehst du am besten von der Hauptmahlzeit ab.
Geschrieben von Steffi
Mobile Haustierbetreuerin und Ernährungsberaterin, davor 21 Jahre Tiermedizinische Fachangestellte. Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Mehr über mich