
Plötzlich taumelt dein Hund, hält den Kopf schief oder fällt beim Aufstehen um. Seine Augen bewegen sich unkontrolliert, vielleicht erbricht er und kann kaum noch stehen. Für Hundehalter ist das ein erschreckender Moment.
Diese Beschwerden sind typische Anzeichen eines Vestibularsyndroms – einer Störung des Gleichgewichtssystems. Entscheidend ist jetzt, den Hund tierärztlich untersuchen zu lassen und nach der Ursache zu schauen. Denn „Vestibularsyndrom“ beschreibt zunächst die Beschwerden, erklärt aber noch nicht, wodurch sie ausgelöst werden.
Welche Anzeichen sind typisch?
Die Beschwerden beginnen häufig sehr plötzlich und können unterschiedlich stark ausgeprägt sein:
- Schiefhaltung des Kopfes
- schwankender, unsicherer Gang
- Umfallen oder Rollen zu einer Seite
- Laufen im Kreis
- schnelle, unwillkürliche Augenbewegungen, das sogenannte Augenzittern oder „Nystagmus“
- Übelkeit und Erbrechen
- Schwierigkeiten, selbstständig zu stehen oder zu laufen
Nicht jeder Hund zeigt alle diese Anzeichen. Die Situation kann wie ein Schlaganfall wirken. Was tatsächlich dahintersteckt, muss durch eine tierärztliche Untersuchung geklärt werden.
Welche Ursachen kommen infrage?
Das Gleichgewichtssystem umfasst Strukturen im Innenohr, die zugehörigen Nerven und Bereiche des Gehirns. Störungen in diesen Bereichen können zu den beschriebenen Beschwerden führen.
Bei älteren Hunden tritt häufig das idiopathische Vestibularsyndrom auf. „Idiopathisch“ bedeutet, dass keine konkrete Ursache festgestellt werden kann. Die Beschwerden können anfangs sehr heftig sein und sich trotzdem innerhalb weniger Tage deutlich bessern. Die weitere Erholung kann mehrere Wochen dauern; manchmal bleibt eine leichte Kopfschiefhaltung zurück.
Weitere mögliche Auslöser sind beispielsweise Erkrankungen des Mittel- oder Innenohrs, Kopfverletzungen, bestimmte Medikamente sowie entzündliche oder andere Erkrankungen des Gehirns.
„Das kommt vom Alter“ sollte deshalb keine sorgfältige Untersuchung ersetzen. Auch ein alter Hund verdient eine gründliche Abklärung seiner Beschwerden.
Meine Erfahrung mit Sunny
Meine Hündin Sunny hatte insgesamt vier Vestibularsyndrome mit typischen Symptomen, darunter Nystagmus – also unwillkürliche, ruckartige Augenbewegungen – und ausgeprägte Gleichgewichtsstörungen.
Nach dem vierten Anfall ließ ich sie auf meinen Wunsch gezielt auf Vektorerkrankungen untersuchen. Dabei wurden extrem hohe Antikörperwerte bei Anaplasmose und Borreliose festgestellt, dazu erhöhte Antikörpertiter bei einigen anderen Erkrankungen. Sunny wurde entsprechend behandelt – und danach trat bei ihr kein weiteres Vestibularsyndrom mehr auf.
Aufgrund dieses Verlaufs bin ich überzeugt, dass die Anaplasmose und Borreliose bei Sunny eine Rolle gespielt haben. Diese Erfahrung hat mich geprägt und ist der Grund, weshalb ich darauf aufmerksam machen möchte.
Mir ist wichtig, dass unsere Beobachtungen als Halter ernst genommen werden. Wir erleben unsere Hunde täglich und bemerken Veränderungen, die bei einem kurzen Untersuchungstermin vielleicht nicht sichtbar sind.
Gerade bei wiederkehrenden Vestibularsyndromen sollte man genauer hinschauen und die gesamte Krankengeschichte einbeziehen. Für mich gehört dazu auch, mögliche Vektorerkrankungen gezielt mit der behandelnden Tierarztpraxis anzusprechen.
Blut untersuchen lassen – besonders bei wiederholten Episoden?
Blutuntersuchungen können wichtige Hinweise liefern. Dabei kommt es darauf an, was genau untersucht wird: Ein normales Blutbild ist kein gezielter Test auf Anaplasmose oder andere durch Zecken übertragene Erreger.
Besprich deshalb mit deiner Tierarztpraxis, ob entsprechende Untersuchungen aufgrund der Beschwerden, der Vorgeschichte und eines möglichen Zeckenkontakts sinnvoll sind. Bereits vorhandene Befunde sollten dabei berücksichtigt werden. Antikörperwerte werden gemeinsam mit den Symptomen und weiteren Untersuchungsergebnissen beurteilt.
Zur Ursachenabklärung gehört außerdem die Untersuchung der Ohren.
Hilfreich ist, wenn du möglichst genau schildern kannst:
- Wann haben die Beschwerden begonnen?
- Wie lange dauern die Episoden?
- Wie häufig treten sie auf?
- Welche weiteren Veränderungen fallen dir auf?
- Welche Medikamente bekommt dein Hund?
- Welche Erkrankungen und Laborbefunde sind bereits bekannt?
Ein kurzes Video kann helfen, die Beschwerden zu zeigen – besonders dann, wenn sie während des Termins nicht mehr sichtbar sind. Die Versorgung deines Hundes hat dabei immer Vorrang.
Wie kannst du deinen Hund unterstützen?
Ein Hund mit Gleichgewichtsstörungen braucht Sicherheit und Unterstützung:
- Sichere Treppen und andere Absturzstellen ab.
- Sorge für rutschfeste Unterlagen.
- Biete einen ruhigen, gut gepolsterten Liegeplatz an.
- Unterstütze ihn beim Aufstehen und bei kurzen Toilettengängen.
- Stelle Futter und Wasser gut erreichbar auf.
Wenn dein Hund nicht ausreichend frisst oder trinkt, wiederholt erbricht oder Schwierigkeiten beim Schlucken hat, braucht er tierärztliche Hilfe. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und kann beispielsweise Medikamente gegen Übelkeit oder eine bedarfsgerechte Flüssigkeitsversorgung umfassen.
Wie sind die Aussichten?
Auch ein dramatischer Beginn bedeutet nicht, dass dein Hund sich nicht mehr erholen kann. Gerade beim idiopathischen Vestibularsyndrom älterer Hunde sind die Aussichten häufig gut. Viele Hunde machen innerhalb der ersten Tage deutliche Fortschritte.
Wie schnell und vollständig sich ein Hund erholt, hängt von der Ursache und seinem allgemeinen Gesundheitszustand ab. Bleibt die Besserung aus, verschlechtert sich der Zustand oder treten erneut Episoden auf, ist eine erneute Untersuchung wichtig.
Warum ich meine Erfahrung teile
Mit Sunnys Geschichte möchte ich andere Hundehalter ermutigen, ihre Beobachtungen ernst zu nehmen und gezielt nachzufragen. Wiederkehrende Beschwerden sollten Anlass sein, die bisherige Einschätzung und mögliche Ursachen erneut zu prüfen.
Geschrieben von Steffi
Mobile Haustierbetreuerin und Ernährungsberaterin, davor 21 Jahre Tiermedizinische Fachangestellte. Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Mehr über mich